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Wetter aktuell

Wie weit fortgeschritten ist die Vegetation?



Der Beginn des Jahres war bis Mitte Februar zu kalt. Danach folgte
eine langanhaltende Hochdruckwetterlage mit für die Jahreszeit
ungewöhnlich hohen Temperaturen. Diese hatte nachhaltigen Einfluss
auf die Vegetationsentwicklung. Doch wie weit ist die Natur in diesem
Jahr voraus?



Um die Frage zu klären, inwiefern die warme Witterungsphase Anfang
März die Vegetation vorangetrieben hat, widmen wir uns zunächst einem
Teilbereich der Meteorologie: der Phänologie. Diese beschäftigt sich
mit den jährlich wiederkehrenden, vom Wetter abhängigen Wachstums-
und Entwicklungsstadien von Pflanzen. Solche Entwicklungsphasen
werden von zahlreichen ehrenamtlichen Beobachtern erfasst und in
einem phänologischen Kalender festgehalten. Dabei dienen bestimmte
Zeigerpflanzen als Orientierung: So gilt die Blüte der Forsythie
beispielsweise als typisches Merkmal für den Beginn des
Erstfrühlings.
Die Ergebnisse dieser Beobachtungen lassen sich anschaulich in Form
einer phänologische Uhr darstellen. Diese zeigt den Verlauf der
Natur im Jahreskreis anhand der verschiedenen phänologischen
Jahreszeiten. Der äußere Kreis stellt den langjährigen Durchschnitt
dar und zeigt, wann bestimmte Entwicklungsphasen normalerweise
eintreten. Der innere Kreis bildet dagegen den tatsächlichen Verlauf
eines konkreten Jahres ab. Durch den Vergleich beider Kreise lässt
sich leicht erkennen, ob die Vegetation durch Kälteperioden verzögert
oder durch milde Witterung beschleunigt wurde.
Die phänologische Uhr hilft auf diese Weise, die Auswirkungen
ungewöhnlicher Wetterereignisse, wie etwa verspätete Kälte im
Spätwinter, sichtbar zu machen und deren Einfluss auf das
Pflanzenwachstum besser zu verstehen.
Man erkennt, dass die Haselblüte, die den Beginn des Vorfrühlings
markiert, dieses Jahr im Mittel zwei Tage vor dem vieljährigen Mittel
stattfand. Aufgrund der warmen Witterung wurde die Vegetation
deutlich vorangetrieben, sodass die Forsythienblüte dort, wo sie
bereits eingesetzt hat, im Mittel 8 Tage früher begann.
Da der Vegetationszustand jedoch maßgeblich von der Temperatur
abhängt, soll hier ein anderer Ansatz gewählt werden. Die sogenannte
Grünlandtemperatursumme ist eine spezielle Wärmesumme, die verwendet
wird, um den nachhaltigen Vegetationsbeginn zu bestimmen. Zur
Berechnung der Grünlandtemperatursumme werden alle positiven
Tagesmitteltemperaturen seit Jahresbeginn addiert. Diese werden
allerdings nach Monaten gewichtet. Das heißt, im Januar wird das
Tagesmittel mit dem Faktor 0,5 multipliziert, im Februar mit 0,75 und
ab März geht der volle Wert ein. Erreicht die Grünlandtemperatursumme
die Grenze von über 200 Grad, gilt der nachhaltige Vegetationsbeginn
als erreicht. In Mitteleuropa wird damit der Termin für das Einsetzen
der Feldarbeit bestimmt. Man spricht dann auch vom Beginn des
agrarmeteorologischen Frühlings, der häufig mit dem Beginn der
Forsythienblüte zusammenfällt.
Die beigefügte Grafik zeigt die Entwicklung der
Grünlandtemperatursumme im Frühjahr der vergangenen 38 Jahre in
Frankfurt am Main. Die rote Kurve markiert den Mittelwert. Im Mittel
werden 200 Grad am 11. März erreicht. In den meisten anderen Regionen
Deutschlands ist es kühler, sodass dieses Datum entsprechend später
liegt. Extrem hohe Werte traten beispielsweise in den Jahren 1994,
2007 und 2024 auf, als die Ergrünung bereits Ende Februar einsetzte.
In den kalten Frühjahren 1996, 2006 und 2013 wurde die 200-Grad-Marke
dagegen erst Anfang April erreicht.
In diesem Jahr (grüne Linie) lag die Grünlandtemperatur aufgrund des
kalten Winters zunächst im unteren Drittel, holte aber ab Mitte
Februar deutlich auf, stieg bis ins obere Drittel und sorgte dafür,
dass die Vegetation zumindest in den wärmer gelegenen Regionen
Deutschlands in diesem Jahr ziemlich früh nachhaltig einsetzte (in
Frankfurt am 7. März). Derzeit ist die Vegetation in Frankfurt etwa
eine Woche voraus, was auch zu den Beobachtungen der phänologischen
Uhr passt. Der derzeitige Kaltlufteinbruch mit Nachtfrösten und
Schnee im Bergland, der noch bis Ostern anhält, bremst die
Vegetationsentwicklung allerdings deutlich aus. Dadurch schrumpft der
derzeitige Vorsprung von etwa einer Woche und wir nähern uns wieder
etwas dem Mittelwert.


Dipl.-Met. Christian Herold

Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 28.03.2026

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